Das MOTORRAD action team in Yunnan

Das MOTORRAD action team in Chinas Süden: Südlich der Wolken Tour


Nach unmotorisierten zwei Tagen in Beijing mit Besichtigung der spektakulären Großen Mauer und der Verbotenen Stadt ist das Motorrad action team heiß aufs Fahren! Endlich in Dali angekommen im Herzen Yunnans, bot Hendriks Haus ein stärkendes action team Frühstück. In Reih‘ und Glied umstehen die Shineray X5 400-Motorräder den Frühstückstisch, schon genährt, bereit zur Abfahrt. Für die Menschen gibt es Rührei mit tibetischer Butter, selbstgebackenes Brot und guten Kaffee (der in China selten ist).

Schnell wird noch das Begleitfahrzeug bepackt, ein Great Wall-Pick up, chinesisches Fabrikat, aber “European Style” mit modernem Turbodiesel-Motor. Eine Ersatz-Enduro und alles Gepäck werden im Tetris-System auf der Ladefläche verstaut.

Das Motorrad action team ist das Reiseteam der größten Motorradzeitschrift Europas Motorrad. Sie bieten exklusive Trainingsprogramme, Motorradevents und Europa- sowie Fernreisen an.

Mit Schwung fahren die meisten den engen Feldweg vom Haus zur Straße, während mancher sich doch lieber erst an das Fahren gewöhnt und sich das Motorrad auf die Straße fahren lässt. Und dann plötzlich sind wir mittendrin im Verkehr des Reiches der Mitte!

Der chinesische Verkehr ist schon etwas für sich. Während es theoretisch eine Straßenverkehrsordnung in China gibt, wird diese konsequent missachtet. Alle halten sich daran, zunächst auf die Straße aufzufahren und dann zu schauen. In diesem Chaos, in dem jeder nur an sich selbst denkt, kann nur durch die Kommunikation mit der Hupe die Möglichkeit geschaffen werden, sich unbeschadet in diesem Selektionsprozess zu behaupten.

Wir müssen jedoch nur kurz der Hauptstraße folgen, bis es auf die einsame Bergstraße nach Shaxi, ein altes Handelszentrum der Teepferdestraße, geht. Einige preschen vor, andere gehen es entspannt an, es dauert etwas, bis sich eine gute Gruppendynamik entwickelt hat.

Von Dali bis Shaxi ist dann freies Fahren angesagt: Da es keine Möglichkeit gibt sich zu verfahren, wird nicht mehr in der Kolonne gefahren, sondern jeder fährt bis zum vereinbarten Kilometer, wie er mag.

Die Straße ist toll für eine Reiseenduro, wie die Shineray. Kurvig und asphaltiert, doch hin und wieder gewürzt mit Schotterpiste. Die Landschaft ändert sich in rasantem Tempo, bei Eryuan noch sumpfig und dschungelig, geht es hinauf in einen mediterranen Pinienwald und wieder hinab in trockene Savannenberge, in dessen Tälern Wasserbüffel an natürlich mäandernden Flussläufen weiden. Kleine Dörfer und Reisterrassen wechseln sich ab, bis wir die idyllische Altstadt von Shaxi erreichen.

Hendrik sagt „Here is Shaxi, follow me!“ …und schnurstracks fährt er zum falschen Hotel. Wir parken die Motorräder schon im Hof, bis es heißt, „dies ist ein schönes Hotel, aber nicht unseres!“. Kurze Verwirrung. Daniel und Achim gehen

auch noch im falschen Hotel verloren, doch schlussendlich hat jeder sein Zimmer, und ein kühles Bier auf dem Theaterplatz von Shaxi verdient.

Der Tag endet mit 216 Betverbeugungen unseres tibetischen Reiseleiters Sonam.

Durch die Tigersprungschlucht

Nachdem wir uns gefüllte Teigtaschen (Momo) und Instantkaffee einverleibt haben, geht es am nächsten Morgen schnell wieder auf die Straße. Bevor wir in die legendäre Tigersprungschlucht einfahren, fängt es an zu nieseln und es kommt einem so vor, als führen wir ein in die eigens erschaffene Motorradhölle: kilometerhohe Felswände, glänzend vor Feuchtigkeit, kurvige Betonstraße mit schlechtem Grip und keine Leitplanken. Weder in die Hölle noch in den Himmel kommen wir, in diesem Leben schaffen wir es zu unserem Gästehaus in der Schlucht.

Bei unserer anschließenden Wanderung haben wir mehr Glück und es klart auf. Die Abgründe der Schlucht entblößen sich und entziehen sich dem Maßstäben des menschlichen Auges. 3600 Meter hoch flimmert die Felsmasse der höchsten Schlucht der Welt im Sonnenschein und darüber thronen noch die Gipfel der Jade-Drachen-Schnee-Berge. Über einen Pfad mit chinesischem Flickzeug, Holzkonstruktionen, Metallleitern, Überhängen und Tunneln klettern wir hinab zur Wucht des Yangste Flusses, dessen bizarre Wassermassen den Blick verzerren, schaut man zu lange ins Wasser.

Naturgewalten hat man so noch nicht erlebt.

Ins tibetische Gebiet

Während wir in einem kleinen, ärmlichen Dorf der Naxi-Minderheit Chinas noch ein einfaches und kurzes Mittagessen zu uns nehmen, gewinnen wir beständig an Höhe, erst ein 3500 Meter, dann ein 3700 Meter Pass wird mit unseren Motorrädern bestritten… und plötzlich sind wir in tibetischem Gebiet! Große pompöse aus Lehm gebaute Häuser wie Festungen säumen die Straße, reich an hölzernen Verzierungen; vielzählige Yakherden grasen auf den Hochwiesen des Daches der Welt, große Holzpfeiler ragen in den Himmel wie riesige Stühle ohne Sitzfläche, auf denen Heu getrocknet wird. Kurz vor Shangri-La wird es kalt und regnerisch, doch ein Feuer erwartet uns in der Kersang Relay Station, an dem wir uns wärmen, die Motorradkleidung trocknen und tibetischen Buttertee trinken.

Ruß an der Hauswand deutet noch auf das Feuer vor zwei Jahren hin. Ein Brand löschte die Altstadt Shangri-Las aus, verschonte jedoch das Gästehaus. Mittlerweile ist die Stadt wieder getreu und wunderschön aufgebaut.

Der Name Shangri-La geht auf James Hilton zurück, der in seinem 1933 erschienen Roman ein utopisches Paradies beschreibt, das im Himalaya liegt, in dem die Bewohner in Abkehr von der Hast der Zivilisation leben, nicht krank werden und biblisches Alter erreichen. Wir drehen im Tempel in der Altstadt am größten Gebetsrad der Welt und denken uns: Biblisches Alter ist schon nicht schlecht, aber die Momente des Motorradfahrens auf dieser Tour sind unvergleichlich besser.

Über den Pass des Weißen Pferdes

Am Morgen gibt es eine Ansprache unseres Reiseleiters Hendrik: „Unglücklicherweise hat das Wetter umgeschlagen. Vor uns liegt ein 4300 Meter Pass. Dort kann es echt kalt werden und Schnee fallen. Am gefährlichsten kann die Abfahrt werden! Wenn es trocken bleibt können wir es schaffen. Wir haben Ansässige kontaktiert, sowohl vor dem Pass als auch in unserem Zielort, und momentan ist kein Niederschlag. Wir werden jetzt noch warten bis es über sechs Grad ist und dann versuchen wir es!“

Gesagt, getan. Wir kaufen noch für jeden Hand- und Fußwärmer aus Fell und befahren die Serpentinen. Die Gruppe um das Motorrad Action Team sind versierte Fahrer, die jede Kurve voll auskosten und mit Leichtigkeit über die Bergstraßen gleiten. Die Landschaft ist bald schneeweiß verhüllt und Nebelschwaden hängen zwischen den Bäumen mit Flechtenbärten. Die Straße bleibt trocken. Es gibt nur noch uns und diese Landschaft, die wir bezwingen. Kulturelle Sehenswürdigkeiten verlieren an Bedeutung führt man sich die Intensität der Konzentration des Fahrens vor Augen. Ganz nach dem Motto: Fährst du deine Linie auf der Straße, wird auch dein Geist zu einer Linie, zu einer gespannten Sehne eines Bogens, für den es nur ein Ziel gibt und der immer trifft. Alle Zweifel und aller Ballast vergehen in der Fliehkraft von den Millionen Kurven von Yunnans Bergwelt.

Plötzlich reißen die Wolken auf und in gleißendem Licht heißen uns die höchsten Gipfel Yunnans willkommen. Wir dürfen passieren.

Entlang des Mekong

Nach dem Pass schlägt die Wolkendecke wieder zu. Dieses für April sehr ungewöhnlich schlechte Wetter müssen wir auf die globale Erderwärmung zurückführen, denn die buddhistischen Götter können wohl kaum etwas gegen uns haben, ehren wir sie doch mit unserer Geschwindigkeit und dem Dröhnen unserer Motoren.

In der nächsten Stadt halten wir uns nicht auf. Sie ist gefährlich, die wilden Tibeter morden sich hier gerne bei Meinungsverschiedenheiten mit ihren schmuckvollen Messern, heißt es in der lokalen Gerüchteküche. Weiter geht es an die Ufer des Mekong. In völligem Kontrast steht Jiabe, ein kleines idyllisches Dorf, in dem nur wenige Familien im Einklang mit der Natur wohnen.

Der Mekong fließt hier durch die Schluchten Mordors, einer Mondlandschaft, in der Jiabe mit seinen Weiden und Walnußbäumen eine Oase ist. Hier haben Hendriks Verwandten einen Homestay in ihrem schönen tibetischen Haus mit Schnitzereien. In einem tiefergelegenen Zwischenhof leben Hund, Kühe und Ziegen zusammen. Wir genießen den besten Honig der Welt und ein tibetisches Abendessen… und Ara, den selbstgebrannten Schnaps.

Am nächsten Tag begleiten wir die Wasser des Mekongs hinab und fahren entlang der Grenze zu Myanmar.

Dann kommt es zu einem Unfall! Verzögert realisiert, nehme ich zunächst Daniel wahr, der uns auffordert, das Warnblinklicht am Pick up anzumachen. Plötzlich sehe ich einen anderen Teilnehmer an der linken Straßenseite an einer Mauer mit seinem Motorrad stehen. Dann erst wird mir klar, dass etwas passiert sein muss. Als erstes wird mir eine völlig zerdrückte Seitenbox in die Hand gedrückt. Schnell frage ich ihn, ob er verletzt sei. Nein, er sei nicht verletzt. Rekonstruiert: Er hat direkt nach einem Ortsausgang in einer Kurve einen Kleintransporter überholt, der in eben diesem Augenblick ebenfalls ein Auto überholte und das Motorrad an der rechten Seite erwischte. Die Seitenboxen eines Motorrads sind eine wichtige Knautschzone.

Wir treffen wieder auf den Yangste und nach dem Schrecken geht es unerschrocken weiter auf den engen Straßen nach Lijiang. Es ist mir eine Ehre mit dem Motorrad action team zu fahren. Nach einem langen Fahrtag bleibt trotzdem noch Kraft für etwas verspielte Akrobatik auf dem Motorrad: der sterbende Schwan, Superman, der Rodler; wie ein Rudel verrücktgewordener Wölfe fallen wir in Lijiang ein.

Zum Lugu-See und den Mosu

Der Tag ist nicht unserer. Wir wollen uns ein tolles Steindorf anschauen, doch die Straße wird erneuert und ist gesperrt. Dann verfahren wir uns und besichtigen unbeabsichtigt ein gigantisches Staudammprojekt, doch schnell sind diese Strapazen vergessen, als wir über eine Brücke den Yangste überqueren und von der türkisblauen Farbe des Wassers, von den bizarren Strukturen der Berge und der aufregenden Straße überwältigt werden. Am Ende dieser vollkommenen Etappe erwartet uns der alpine Lugu-See. Dort lebt die Mosu-Minderheit, die letzte Kultur Chinas mit matriarchalischen Strukturen.

Am nächsten Tag geht es immer weiter hinab bis wir uns in tropischem Klima wiederfinden. Ein letztes Mal genießen wir die Sonne und Hitze im chinesischen Hinterland fernab der urbanen Hektik, zwischen Palmen und Bananenstauden. Zurück in Dali genießen wir in einem exquisiten Restaurant ein tolles Abendessen und lassen bei einigen Bieren und Schnäpsen die intensiven Erlebnisse der Reise Revue passieren. Im Geiste geht die Reise weiter, erkunden wir jede Kurve unserer Erinnerungen, fahren wir jede Etappe wieder und wieder, preschen über jede Schotterpiste unserer Seele erneut und lassen das Dröhnen unserer Motoren in uns widerhallen.

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